6. April
Mittelfeldspieler Michael Polyfka06.04.1944
Ein Löwengeburtstag
Michael Polyfka wurde am 6.4.1944 in Gleiwitz/Polen geboren und wuchs auf dem Gebiet der damaligen DDR auf. Bis 1966 spielte er für Carl Zeiss Jena.
Als Carl Zeiss im Juni 1966 im Intertoto-Cupspiel bei Eintracht antrat, wollte Polyfka 'flüchten' und sich den Blau-Gelben anschließen. Da Eintracht das Rückspiel in Jena noch vor sich und bei einer Flucht von Polyfka Schwierigkeiten zu erwarten hatte, wurde der Spieler überredet, zunächst mit seiner Mannschaft in die DDR zurückzukehren und erst beim nächsten Auswärtsspiel (bei AIK Stockholm) die Flucht anzutreten. Über Schweden reiste Polyfka dann über Umwege (Helgoland) nach Braunschweig. Der Staatsapparat der DDR verweigerte daraufhin die Spielgenehmigung, was zur Folge hatte, dass Eintracht Polyfka nicht einsetzen durfte. Erst nachdem sich der Deutsche Bundestag im Frühjahr 1967 mit der Thematik befasst hatte, trat eine Änderung ein. Die 'Sperre', die zunächst lebenslang gegolten hätte, wurde auf die laufende Saison beschränkt. Michael Polyfka war also hautnah dabei, als Eintracht Meister wurde, durfte selbst jedoch nicht spielen. Ab der Saison 1967/68 war er dann spielberechtigt.
Der Mittelfeldspieler Polyfka lief für Eintracht zwischen 1967 und 1971 91x in der Bundesliga auf und erzielte dabei 9 Tore. Seine erfolgreichste Saison in Braunschweig spielte er 1968/69 mit 29 Einsätzen und 5 Toren.
Im Sommer 1971 wechselte Michael Polyfka zu Hannover 96, 'um Eintracht zu ärgern', wie er selbst sagte. Später zog es ihn dann noch nach Österreich zu Admira Wien.
Michael Polyfka verstarb am 12.1.2009.

Eintracht – Borussia Dortmund 5:0 (1:0)06.04.1984
27. Spieltag Bundesliga – 1983/84
Am 6.4.1984 kam es im Stadion an der Hamburger Straße zum Aufeinandertreffen des Dreizehnten der Bundesliga mit dem Vierzehnten. Eintracht empfing die Borussia aus Dortmund.
Die Vereinsführung des BTSV hatte vor der Saison 1983/84 einen gesicherten Mittelfeldplatz als Ziel ausgegeben. Nachdem die Blau-Gelben den Erwartungen in der Hinrunde mit 13:21-Punkten nicht gerecht geworden waren, lief die Rückrunde bis zu diesem 27. Spieltag besser. Die Ausbeute von 10:8-Punkten konnte sich sehen lassen und hatte dazu geführt, dass die "Löwen" mit ihren nun 23:29-Punkten bereits vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, Rang 16, besaßen.
Die Dortmunder lagen mit 22:30-Punkten direkt hinter dem BTSV. Es war klar, dass die Mannschaft, die dieses Spiel gewinnen konnte, mit ziemlicher Sicherheit mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun bekommen würde.
Die Blau-Gelben gingen geschwächt in die Begegnung, da sie auf Torhüter Franke, Geiger und Zavisic verzichten musste. Mut machte aber, dass man bereits im Hinspiel beim BvB mit 2:0 siegreich gewesen war. Es war der erste von insgesamt bisher nur zwei Auswärtssiegen gewesen.
Knapp 14.000 wollte diese Flutlichtbegegnung am Freitagabend sehen.



[Lars Ellmerich umspielt Loose.]
In den Anfangsminuten waren beide Teams gleichwertig, aber nur da. Schnell übernahmen die "Löwen" mit viel Einsatz und temporeichen Spiel das Kommando und brachen damit den Widerstand der Borussia. Insbesondere im Mittelfeld (mit Tripbacher, Lux und Studzizba) besaß Eintracht deutliche Vorteile. Die Tore fielen daher fast zwangsläufig. Worm per Kopf (30., siehe Bild unten) , Hollmann per Handelfmeter (53.), Geyer mit seinem ersten Saisontor (58.), Studzizba (70.) und Pahl (85.) sorgten mit ihren Treffern für ein deutliches 5:0.
Die "Löwen"-Fans gingen zufrieden nach Hause und waren sich sicher, dass der Klassenerhalt damit gesichert war.



Gute Stimmung also bei der Eintracht? Wenn, dann nur für einen Tag! Am Samstag erhielten 10 Spieler neue Vertragsangebote mit um 20 – 40 % gekürzten Bezügen. Neu-Präsident Mast machte mit der von ihm angekündigten Entschuldung des Vereins ernst und nahm sich die Spielergehälter vor. Die Reaktion der Betroffenen war vorhersehbar. 9 von 10 kündigten – zunächst – an, den Verein verlassen zu wollen. Bei Geyer und Keute stand schon fest, dass sie in der nächsten Saison nicht mehr für den BTSV antreten würden. Sie hatten überhaupt kein neues Angebot erhalten. Mit der Ruhe im Verein war es erst einmal vorbei.
Zumindest hatten die Fans Recht, was den Klassenerhalt anbelangte. Mit am Ende 32:36-Punkten verbesserten sich die "Löwen" sogar noch auf Platz 9. Auch der BvB hielt als 13. (30:38) die Klasse.

Eintracht – Hannover 96 3:0 (2:0) 06.04.2014
29. Spieltag Bundesliga – 2013/2014
Deeerby-Zeeit !!!!
Endlich war es soweit ! Das wichtigste Spiel der Saison stand an.
Am 29.Spieltag der Saison 2013/14 erwartete Eintracht Braunschweig zum Punktspiel in der 1.Bundesliga Hannover 96.
Aber würde es überhaupt ein richtiges Derby werden? Der Totengräber der 50+1 - Regelung im Deutschen Fussball, Hannovers Präsident Kind, hatte beschlossen, dass Auswärtskarten für die Partie gegen Eintracht nur gegen Vorlage des Personalausweises verkauft werden durften. Außerdem sollte die Anreise ausschließlich mit Fanbussen erfolgen, was dadurch sicherzustellen sei, dass die Tickets erst im Bus ausgeteilt würden. Der Hörgeräte-Fabrikant wollte damit wohl jede Art von Fan-Aktionen wie das Abbrennen von pyrotechnischen Artikeln sowie „freundschaftliche“ Begegnungen zwischen „Roten“ und Blau-Gelben verhindern. Offensichtlich hatten die zahllosen Leuchtfackeln der 96-Fans im Hinspiel nicht seinen Geschmack getroffen.
Tja, auf solche Maßnahmen muss man sich einstellen, wenn man die Macht in den Vereinen – unter Wegfall von „50+1“ -- einzelnen Personen überlässt. Da kann dann jeder großkotzige Multimillionär daherkommen und für sein Spielzeug neue Regeln festlegen…!
Logischerweise ließen sich die Hannover-Anhänger diese moderne Art des Viehtransports nicht gefallen. Die Ultras der „Roten“ beschlossen, das Spiel zu boykottieren und stattdessen in Braunschweig eine Demonstration abzuhalten. Viele Inhaber von Auswärtsdauerkarten in Hannover dagegen beschritten den Rechtsweg und klagten gegen die Vorgehensweise des Vereins. Elf von ihnen bekamen im vorläufigen Rechtsschutzverfahren sogar vor der Begegnung noch Recht. Hannover 96 musste ihnen die Karten direkt aushändigen. Bei den zahlreichen anderen Klägern verhinderten Kind und seine Lakaien mit juristischen Tricks eine rechtzeitige (für sie ungünstige) Gerichtsentscheidung.
Also: Durch den Boykott der 96-Ultras und anderer Hannoveraner, die sich ebenfalls nicht dem Diktat von Kind unterwerfen wollten und den Massentransport ablehnten, fehlten einem Verein seine engagiertesten Fans! War es damit überhaupt noch ein richtiges Derby? Machen nicht gerade die mündigen Fans beider Seiten den Derbycharakter aus? Eine Frage, die sich sicherlich auch einige Anhänger der Braunschweiger Eintracht im Vorfeld der Begegnung gestellt haben werden.
Für die Medien und die Polizei war es natürlich ein Derby. Und zwar eins der üblen Sorte! Bereits die lokale Presse in der Stadt Heinrichs des Löwen bombardierte den geneigten Leser mit aufreißerischen Überschriften: „Straftaten sehr konsequent verhindern“, „Derby- Polizei schaltet ein Bürgertelefon“, „Polizei rechnet mit 2200 Hooligans“, „2200 Problem-Fans im Fokus“ war zu lesen. Dazu die passenden Reportagen in den verschiedenen Fernsehkanälen! Vielen Bürgern wurde mit den Berichten suggeriert, der Stadionbesuch sei gefährlich und nur durch die Präsenz etlicher Hundertschaften von Polizei einigermaßen kontrolliert zu gestalten. Lächerlich! Wer die Bundesliga von Beginn an begleitet hat, wird bestätigen, dass der Aufenthalt in den Stadien noch nie so sicher war wie heute!
Dieses Derby am 6.4.2013 lebte allerdings nicht nur von der Rivalität beider Städte und Vereine, sondern besaß auch in sportlicher Hinsicht erhebliche Brisanz. Eintracht, im Vorsommer nach 28 Jahren erst wieder erstklassig geworden, war Tabellenletzter und zum Siegen verdammt. Mit 22 Punkten wiesen die „Löwen“ vor diesem Spieltag zwei Punkte Rückstand auf den Hamburger SV (17.) und den VfB Stuttgart (16.) auf. Der 1.FC Nürnberg war 15. mit 26 Zählern. Die abstiegsgefährdete Zone komplettierten mit 29 Punkten der SC Freiburg (14.) und … Hannover 96 (13.). Die „Roten“, die zum Jahreswechsel schon Trainer Slomka durch Korkut ersetzt hatten, waren durch zuletzt drei Niederlagen in Folge in der Abstiegszone gelandet. Nach der Niederlage gegen Werder Bremen (1:2) im Heimspiel am vorangegangenen Spieltag musste die Mannschaft den Fans sogar Rede und Antwort stehen. Man war nicht zufrieden in Hannover und machte dem Team klar, dass es in Braunschweig gefälligst eine andere Leistung zu zeigen habe. Da schon im Hinspiel (0:0) nur die zahllosen Leuchtfackeln richtig gezündet hatten, erwarteten die 96-Fans ein Erfolgserlebnis. Verlieren war ohnehin verboten. Die Eintracht-Fans dagegen gingen relativ entspannt in die Partie. Ihre „Löwen“ hatten das letzte Heimspiel immerhin gewonnen (gg Mainz 05, 3:1) und danach auch bei ChampionsLeague-Teilnehmer Bayer Leverkusen gepunktet (1:1). Außerdem hatte der waschechte Braunschweiger Marc Pfitzner in der Woche vor dem Derby gerade seinen Vertrag um 2 Jahre verlängert. Eintracht im Aufwind, und „Pfitze“ bleibt ein „Löwe“ – Was konnte da schon schief gehen?!
Etwas ging schief ! Die Konkurrenz spielte nicht mit und zerstörte die Träume von einem Klettern des BTSV in der Tabelle frühzeitig. Der HSV besiegte schon am Freitagabend Bayer Leverkusen mit 2:1 und der VfB zog mit einem 2:0-Sieg gegen den SC Freiburg am Samstag nach. Adieu, Relegationsplatz. Eintracht würde also auch bei einem Sieg im Derby am Sonntag die „Rote Laterne“ behalten. Wenigstens hatte der 1.FC Nürnberg sein Heimspiel am Sonnabend gegen Borussia Mönchengladbach 0:2 verloren, blieb mitten im Abstiegskampf dabei und war nun Vorletzter. Die Siege des HSV und des VfB waren natürlich gleichfalls für die „Roten“ aus Hannover nicht erfreulich. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz 16 betrug plötzlich nur noch 2 Punkte. Es ging also um Einiges in diesem Derby am 6.4.2014!
Natürlich war das Stadion an der Hamburger Straße ausverkauft. 22.867 Karten waren in den Handel gelangt, aus Sicherheitsgründen etwas weniger als normal. Auch die 96er hatten ihr Gästekontingent von 2.200 Tickets voll ausgeschöpft. Offensichtlich gab es in der Niedersächsischen Landeshauptstadt eine ausreichende Anzahl an Personen, die nichts dagegen hatten, dass „ihr“ Präsident ihre Freizügigkeit bei der Anreise einschränkte.
Schon früh am Spieltag bezog die Polizei Position und besetzte die aus ihrer Sicht strategisch wichtigen Positionen. Letztendlich kamen in Braunschweig deutlich mehr als 3.000 Beamte zum Einsatz (3.600 lt. „Hannoversche Allgemeine“). Unter anderem sperrten sie -- wie angekündigt – die Hamburger Straße zwischen Siegfriedstraße und Schmalbachstraße. Die Szenerie wirkte irgendwie bedrohlich, nicht beruhigend. Musste eine solche Präsenz von perfekt ausgerüsteter Staatsmacht wirklich sein?? Von den Überstunden, die sich durch den überdimensionierten Einsatz ergaben, ganz zu schweigen!
Neben dem Gelände rund um das Stadion war der Braunschweiger Bahnhof ein zweiter Schwerpunkt polizeilicher Präsenz. Denn hinter dem Bahnhof sollte -- und nur dort durfte – die Kundgebung der 96-Ultras und Gleichgesinnter stattfinden. Kurz vor 15 Uhr schließlich begann diese Veranstaltung mit ca. 750 Teilnehmern. Es wären wohl etliche mehr geworden, wenn die Ordnungskräfte die Anreise nicht erschwert und verzögert hätten und die Aktion – wie geplant -- früher hätte beginnen können. So beendete man die Kundgebung bereits nach wenigen Minuten vorzeitig und kehrte mit dem nächsten Zug nach Hannover zurück.
Zu diesem Zeitpunkt war das Eintracht-Stadion natürlich schon gut gefüllt. Die ca. 50 Busse aus Hannover waren eingetroffen, die Insassen besetzten die Blöcke 18 und 19 und die Eintracht-Fans vertrieben sich derweil die Zeit mit dem Studium der 115.Ausgabe des Südkurvenechos (von der Ultra-Gruppierung Cattiva Brunsviga) und der neusten Ausgabe des „Roten Löwen“, der Zeitung „Von Fans für Fans“. Deren Herausgeber hatten sich eine besondere Begrüßung für die Anhänger der „Roten“ ausgedacht. Auf der Titelseite hieß es:
Willkommen … in der Mutterstadt des deutschen Fussballs, …im Freistaat Braunschweig, …beim Deutschen Meister von 1967, …beim Bundesliga-Gründungsmitglied, …beim Erfinder des Trikotsponsorings, …beim amtierenden Derbysieger und …in der Narrenhochburg ohne Kind. Der letzte Satz spielte auf die Choreografie beim Pokalspiel vom 29.10.2003 an, als die Gäste mit dem Satz „Ein Kind hält Euch zum Narren“ begrüßt und mit einer 0:2-Niederlage im Gepäck (als Erstligist gegen den Drittligisten BTSV) wieder nach Hause entlassen wurden.
Apropos Choreo! Natürlich gab es auch dieses Mal wieder Anschauungsunterricht für Hannover in Sachen Choreografie. Blau-Gelbe Fahnen, Luftschlangen und Konfetti rundherum und ein Löwe mit einem „Hannoverrecke“-Schal in den Krallen begrüßten die Mannschaften beim Einlaufen.
„Löwen“-Trainer Lieberknecht hatte sich für folgende Start-Formation entschieden:
Davari – Kessel, Bicakcic, Correia, Reichel – Elabdullaoui, Boland, Vrancic, Hochscheidt – Nielsen, Kumbela. Vrancic konnte nach seinem bei Bayer Leverkusen erlittenen Nasenbeinbruch also ebenso spielen wie Bicakcic, der sich im letzten Heimspiel gegen Mainz 05 die Hand gebrochen hatte. Für Einige kam der Verzicht auf Bellarabi überraschend, aber Eintrachts Trainer hatte angekündigt, nur auf 100% fitte Spieler zu setzen, und Bellarabi war erst kurz zuvor ins Mannschaftstraining zurückgekehrt. Ein Einsatz von Pfitzner kam wegen dessen Rippenverletzung nach wie vor nicht in Frage.
In Hannovers Elf standen mit Nationaltorwart Zieler, Marcelo, dem späteren Gladbacher und Nationalspieler Lars Stindl, Huszti, dem späteren Kölner Bittencourt und Torjäger Ya Konan gleich einige Hochkaräter.
Pünktlich um 15.30 Uhr pfiiff Schiedsrichter Gagelmann, mit dem Lieberknecht wiederholt in der Saison (in Gladbach und gegen Mainz) aneinandergeraten war, die Begegnung an. Eintracht spielte zunächst in Richtung Nordkurve. Die besondere Bedeutung der Partie wurde schnell deutlich. Bereits nach drei Minuten hatten sich Kessel und Huszti zweimal duelliert und Nettigkeiten ausgetauscht. Ansonsten tat sich auf dem Platz zunächst nicht viel. Außer einem Schuss von Andreasen, der Davari vor keine Probleme stellte (7.), und einem von Kumbela, der zu hoch angesetzt war (12.), gab es in den ersten 12 Minuten keine Situationen, die den Blutdruck in die Höhe trieben. Aber dann…! Als ob die 11 „Löwen“ auf dem Rasen den gerade in der Südkurve angestimmten Gesang „… schieß´ ein Tor für uns! Wir wollen Euch siegen sehen!“ als Auftrag verstanden hätten, starteten sie in Minute 14 einen Angriff. Los ging es mit einem Einwurf von Reichel auf der linken Seite zu Omar (Elabdullaoui). Der spielte zurück auf „ChicKen“, erneut zu Omar, zurück zu Reichel, der inzwischen in Richtung Torauslinie unterwegs war. An der Grundlinie angekommen flankte Reichel das Leder flach in Richtung 5-Meter-Raum. Torwart Zieler hechtete und traf den Ball auch mit der Faust, konnte ihn jedoch nicht aus der Gefahrenzone befördern. Kumbela, der keine Mühe hatte, das Spielgerät als Erster zu erreichen, sagte „Danke“ und netzte ein.
Toooooooooooooooooor! ‚Torwartfehler! Scheißegal!‘ 1:0! Kollektives Ausflippen in den Blöcken 9-5! Mit ein paar Leuchtfackeln – das musste einfach sein!
Nur zwei Minuten später fast das 2:0! Nach einer Flanke von außen hatte Vrancic 14m vor dem 96-Tor zentral ganz freie Schussbahn, zielte aber knapp am Torwinkel vorbei. Die „Roten“ wirkten nun total verunsichert und brachten spielerisch gar nichts mehr zustande. Fast logisch, was sich dann in Minute 21 ereignete. Kessel spielte einen langen Ball auf Nielsen, der ihn sauber an- und mitnahm. Linksschuss! Perfekt getroffen! Im rechten Eck vom Schützen aus gesehen schlug das Leder ein! Tooooooooooooooor! ‚Was ging denn hier ab?! Wie kann der den aus der Entfernung so reinmachen?!‘ 2:0! 2:0! 2:0! Danke! Bitte!‘ Blau-Gelbe Seligkeit aller Orten! Na ja, fast überall!
Nun wachte 96 auf. So einfach wollten sie sich dann doch nicht „abschlachten“ lassen. Die erste Duftmarke setzten sie bereits kurze Zeit später. Bittencourt, der eine gute Leistung ablieferte, ging über Rechts auf und davon und wollte den völlig freien Rudnevs anspielen. Im allerletzten Moment konnte „Eisen-Ermin“ den Ball dem einschussbereiten Stürmer noch vom Fuß spitzeln (23.). Die Gäste übernahmen nun vollends die Spielkontrolle, zumal sich der BTSV etwas zurückzog und aus einer stabilen Deckung heraus agieren wollte. So stabil war Eintrachts Deckung aber nicht durchgehend. Hannover hatte das Eckenverhältnis inzwischen von 0:2 auf 4:2 gedreht, als Schulz nach Ecke Nr.4 im Eintracht-Strafraum frei zum Kopfball kam. Knapp drüber, Glück gehabt (34.). Die Fans merkten, dass ihr Team, das unverdrossen weiter um jeden Ball kämpfte, nun noch mehr Unterstützung brauchte. Ging das überhaupt? In Minute 44 stand das ganze Stadion und feuerte „seine“ Mannschaft an. Huszti schien das gar nicht zu gefallen. Er holte sich (nach einem Foul an Hochscheidt) „Gelb“ ab. Die erste Gelbe Karte in dieser Partie! Erstaunlich! In der Nachspielzeit der 1.Hälfte (45.+3) mussten die Blau-Gelben, die zwischenzeitlich durch keinen Konter wirklich gefährlich geworden waren, noch einmal die Hilfe des Fußball-Gottes in Anspruch nehmen. Ya Konan kam 6m vor Davaris Kasten zum Schuss. Rücklage! Drüber! So ging es mit einem 2:0 für den BTSV in die Pause. Während den Eintracht-Fans das Wolters-Bier vorzüglich schmeckte, wird der glatzköpfige 96-Präsident Kind, der trotz modischer schwarzer Lederjacke nicht jugendlicher geschweige denn sympathischer rüberkam, wohl nicht den rechten Appetit im VIP-Bereich entwickelt haben.
Die 2.Hälfte, zu der Hannover Schlaudraff für Rudnevs einwechselte, begann von der Spielweise her, wie die erste aufgehört hatte. Die „Roten“ versuchten, das Spiel zu machen, und Eintracht verließ sich auf seine Defensive und setzte auf Konter. 15 Minuten lang tat sich so nicht viel. Dann gelang es 96 erstmals in Halbzeit 2, offensiv ein Achtungszeichen zu setzen. Bittencourt hatte Rajtoral angespielt, der das Leder gleich volley nahm, aber verzog (61.). Eine gute Chance ! -- Sollte das der Beginn einer Drangphase der Gäste gewesen sein? Möglicherweise hatten die Hannoveraner Ähnliches vor, kamen nur aufgrund eines Vorfalls, der sich nur 60 Sekunden später ereignete, nicht mehr dazu. Nachdem der Schiri ein ahndungswürdiges Foul gesehen und abgepfiffen hatte, lief Boland mit dem Ball am Fuß weiter. 96-Abwehrspieler Hoffmann stoppte ihn, indem er ihm von hinten in die Beine trat. Schiri Gagelmann, der eine solide Leistung ablieferte, konnte gar nicht anders, als „Rot“ zu ziehen. „Rot“ für einen „Roten“ – das passte! 96 nur noch zu Zehnt!
Es dauerte eine Weile, bis sich Hannover von diesem Schock, schon dem dritten erholt hatte. Eintracht hätte das Ergebnis in dieser Zeit noch höher schrauben können, aber Nielsen (71.) und Elabdullaoui (72.), der zwischenzeitlich die Gelbe Karte gesehen hatte, vergaben ihre Chancen. Im Gegenzug nahm 96 nun wieder am Offensivspiel teil, kurzzeitig sogar sehr eindrucksvoll. Ya Konan legte den Ball im Eintracht-Strafraum zurück auf Huszti, der mit seinem Schuss den Pfosten traf. Den Nachschuss setzte Schlaudraff über das Tor (72.).
Im Grunde genommen war die Partie damit entschieden. Den Gästen war das Bemühen um eine Resultatsverbesserung zwar nicht abzusprechen, wirklich gefährlich wurden sie dem BTSV (trotz zwei weiteren Wechseln) aber nicht mehr. Ein Schuss direkt auf Davari (76.), etwas Unordnung in Eintrachts Deckung nach der 5.Ecke für Hannover (85.) – das war ´s!. Da auch die „Löwen“ mit den sich bietenden Räumen für Konter nichts anzufangen wussten, stand es kurz vor Schluss noch 2:0. Trainer Lieberknecht hatte mittlerweile sein Wechselkontingent ebenfalls voll ausgeschöpft und Theuerkauf, Bellarabi und Ademi gebracht, als die Blau-Gelben in Minute 89 noch einen Angriff starteten. Ademi ging zunächst in Richtung Eckfahne, behauptete sich gegen zwei 96er, zog dann überraschend nach innen und legte ab auf Bellarabi, dessen Außenrist-Pass Hochscheidt nur noch einzuschieben brauchte.
Tooooor! 3:0! „Derby-Sieger, Derby-Sieger, hey, hey“. Kurz danach pfiff Gagelmann die Partieganz pünktlich ab.
Eintracht Braunschweig hatte Hannover 96 mit 3:0 besiegt !!! 3:0 !
Die Fans sangen „Oooh, wie ist das schööön“ und feierten mit der Mannschaft. „Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun, alle, alle, alle auf den Zaun!“ Die 14 Derby-Sieger kamen der Aufforderung gern nach und stimmten schließlich ein gemeinsames „Umba-umba-tätäräää“ mit den Fans an.
Mit dem Sieg hatte der BTSV nicht nur 7 Punkte aus den letzten 3 Spielen geholt, sondern sich auch den inoffiziellen Titel des Niedersachsenmeisters gesichert. In den Duellen mit dem VfL Wolfsburg (H1:1/A2:0) waren die „Löwen“ ebenso ungeschlagen geblieben wie in den Derbys gegen Hannover 96 (3:0/0:0). 8 Punkte aus den 4 Partien bedeuteten Platz 1 vor Hannover 96 mit 7 und der Betriebssportgruppe von VW mit nur 1 Pünktchen. ‚Niedersachsenmeister, hey, hey!‘
Während die Eintracht-Fans noch feierten, gaben die Trainer in der Pressekonferenz bereits ihre Statements ab. 96-Coach Korkut sprach von sehr, sehr großer Enttäuschung. In der Gästekabine herrsche enttäuschte Ruhe. Seine Mannschaft sei mit Willen in das Spiel gegangen, aber dann hätten die zwei Tore unheimlichen Druck aufgebaut. Die Dynamik habe sein Team komplett aus der Partie genommen. Die Analyse von Torsten Lieberknecht fiel naturgemäß anders aus. Obwohl er nicht mit allen Phasen des Spiels zufrieden war, habe seine Mannschaft in dieser „Extremsituation große mentale Stärke“ bewiesen. Außerdem sagte er: „Wir haben heute gesehen, was Fans leisten können an Unterstützung.“
Ähnlich äußerte sich Mirko Boland in einem Interview, auf die Choreografie angesprochen: „Wir haben nicht umsonst die besten Fans in Deutschland!“ Zum Spiel äußerte er, dass der Sieg hochverdient sei. Dies bestätigte auch Ken Reichel. Er sah Eintracht in allen Belangen hochüberlegen, auch im Kämpferischen.
Während Verantwortliche, Spieler und Fans von Eintracht Braunschweig den Rest des Sonntags – jeder auf seine Weise -- einfach nur genossen, stand dem Team von Hannover 96 noch eine unangenehme Überraschung bevor. Bereits kurz nach Schlusspfiff machten sich 96-Anhänger auf den Weg zur HDI-Arena (Vermarktungsname des Stadions in Hannover). Als die Mannschaft um 19.30 Uhr schließlich eintraf, sah sie sich mehr als 1.000 erzürnten Fans gegenüber. Eine Hundertschaft Polizei sicherte derweil bereits das Gelände zwischen Zaun und Arena. Böller flogen! Zunächst traute sich kein Verantwortlicher oder Spieler zu den Fans. Später kamen vereinzelt Manager, Trainer und Kicker an den Zaun. Aussagen wie „Ihr hättet absteigen können, aber dieses Spiel hättet Ihr nie verlieren dürfen!“ zählten noch zu den höflichsten, die zu hören waren. Erst nach mehr als einer Stunde entspannte sich die Situation langsam.
In Braunschweig nahm man die Nachrichten hierüber nur mit einem Grinsen zur Kenntnis. Das eigene blau-gelbe Team hatte nicht versagt und seine Chancen auf den Klassenerhalt verbessert. Zwar war der BTSV immer noch Letzter (25 Punkte), aber mit dem 1.FC Nürnberg (26), dem HSV und dem VfB Stuttgart (je 27) konnte man bei einem Sieg in Freiburg theoretisch am nächsten Spieltag gleich drei Vereine überholen. Und der SC Freiburg sowie die besiegten „Roten“ mit je 29 Punkten waren auch nicht weit weg.
Genugtuung und Hoffnung nach dem Derbysieg!
Die nächsten Tage saugten die Eintracht-Fans alle positiven Meldungen in sich auf. Kumbela (3) und Correia hatten es in der Sportzeitung „Kicker“ vom 7.4. in die „Elf des Tages“ geschafft. Der Spielbericht dort trug die Überschrift: „Eintracht geht über Grenzen“. Und weiter: „Mit dem klaren Sieg im Derby setzt Braunschweig im Abstiegskampf ein beeindruckendes Signal. Der Glaube an das Wunder wächst und wächst.“ Auch die „Braunschweiger Zeitung“ enthielt lesenswerte Überschriften. „Nervenstärke hier, Nervenflattern dort“ in der Ausgabe vom 8.4. las sich doch gut! Die beste Veröffentlichung aus Sicht aller blau-gelb Infizierter sollte aber noch kommen. Am 10.4. erschien in der Todesanzeigenrubrik der Lokalzeitung folgender Text:
„In memoriam
Hannoverscher Sportverein von 1896 e.V.
+6.April 2014
Du bist uns aus den Augen genommen“
Herzliches Gelächter in der Stadt Heinrichs des Löwen! Diese Anzeige war den Redakteuren offensichtlich durchgerutscht. Die „Braunschweiger Zeitung“ entschuldigte sich bereits am nächsten Tag für das Erscheinen.
… Auch wenn Eintracht Braunschweig danach keinen einzigen Punkt mehr holte und am Ende der Saison 2013/14 aus der Bundesliga absteigen musste, während Hannover 96 den Klassenerhalt schaffte, den Derby-Sieg vom 6.April 2014 konnte nichts und niemand den Eintracht-Fans mehr nehmen !
[Stand: Januar 2018]