18. Mai
Eintracht - SG Wattenscheid 09 2:1 (1:1)18.05.2002
34. Spieltag Regionalliga Nord - 2001/02
Am 18.5.2002 war es also soweit. Eintracht konnte an diesem Tag mit einem Sieg im Heimspiel gegen Wattenscheid 09 neun Jahre Regionalliga hinter sich lassen und in die 2. Bundesliga aufsteigen. Es war der 34. und zugleich letzte Spieltag der Saison 2001/2002 in der Regionalliga Nord.
Eintracht war die gesamte Saison über in der Spitzengruppe der Regionalliga zu finden gewesen. Auch die Herbstmeisterschaft war nach Braunschweig gegangen. Nach einer kleinen Durststrecke in der Rückrunde im April (4 Punkte vom 27. bis 30. Spieltag) hatten die 'Löwen' rechtzeitig in die Erfolgsspur zurückgefunden und insbesondere mit dem 3:2-Sieg bei Fortuna Düsseldorf am drittletzten Spieltag die Grundlage für einen erfolgreichen Saisonabschluss gelegt. Bereits am vorletzten Spieltag hätte Eintracht mit einem Sieg bei Erzgebirge Aue den Aufstieg klar machen können, musste sich dort jedoch trotz der Unterstützung von 5.000 eigenen Fans mit 2:1 geschlagen geben. So musste ein Sieg am letzten Spieltag gegen den spielstarken Tabellenvierten aus der Bochumer Vorstadt her, um Rot-Weiss Essen, die nur einen Punkt hinter den Blau-Gelben lagen, auf Distanz zu halten und den 2. Tabellenplatz, der zum Aufstieg reichen würde, zu verteidigen.
Im Stadionmagazin 'Eintracht aktuell' war daher im Vorwort zu Recht von einem 'Finale' die Rede. Las man im Stadionmagazin weiter, fand man die Aussage von Eintracht-Trainer Vollmann: 'Wir haben 90 Minuten Zeit, das Spiel zu gewinnen.' Wie Recht der Mann hatte ... !
Natürlich war das Stadion an der Hamburger Straße an diesem Pfingstsonnabend mit 23.500 erwartungsvollen Zuschauern ausverkauft. Tausende von blau-gelben Fahnen und Luftballons sorgten vor dem Anpfiff für eine würdige Einstimmung.
Eintracht erspielte sich in den ersten 15 Minuten einige klare Chancen, die aber nicht genutzt wurden. Danach fanden die Wattenscheider etwas besser ins Spiel. Dennoch kam die Führung der Bochumer Vorstädter nach etwas mehr als einer halben Stunde völlig überraschend. Halil Altintop, einer der beiden Altintop-Brüder, die in den Folgejahren Karriere bei Schalke 04 bzw. Bayern München machen sollten, traf mit einem 18m-Schuss zum 0:1. Fast zeitgleich verletzte sich Eintrachts Torjäger Teixeira, der die Torjägerliste der Regionalliga Nord mit 19 Toren anführte, schwer (Kreuzbandriss) und musste gegen Weetendorf ausgetauscht werden. Die Fans rauften sich die Haare. Hatte sich denn schon wieder alles gegen Eintracht verschworen? Glücklicherweise gelang Weetendorf in der 40. Minute nach Vorarbeit von Kosta Rodrigues bereits der Ausgleich. 1:1 – Pause!
In der 2. Halbzeit agierten die 'Löwen' lange nicht mehr so druckvoll wie zuvor. Nur noch gelegentlich ergaben sich gefährliche Torraumszenen. Ein Tor fiel nicht. Hieran änderten auch die Einwechslungen von Sümmnich und Piorunek nichts. Zudem sickerte durch, dass Rot-Weiss Essen bei Preußen Münster in Führung gegangen war. Frust! Zu allem Überfluss spielten die Wattenscheider nun auch noch ihre Konterchancen besser aus. Der kleine Mittelstürmer Iyodo hätte die 'Löwen' allein abschießen können. Nach der 80. Minute lief er zweimal direkt auf Keeper Zimmermann zu. Das erste Mal verzog er knapp, und das zweite Mal wurde er von Zimmermanns Stehenbleiben so irritiert, dass er ihn anschoss. Durchschnaufen ! Aber eigentlich war es sowieso egal! Solange Eintracht nicht selbst ein Tor schoss, halfen verhinderte Gegentore auch nicht weiter.
In der Südkurve machte das Gerücht die Runde, Münster habe gegen Essen ausgeglichen. Zwar war das, wie sich hinterher herausstellte, tatsächlich nur ein Gerücht, aber es ermunterte die Fans noch einmal, alles zu geben und die Mannschaft machtvoll nach vorn zu peitschen. Dennoch verging Minute auf Minute, bis nur noch eine übrig blieb.
Wer als Eintracht-Fan für das Spiel keine Karte mehr bekommen hatte und nicht nervös die Hamburger Straße auf und ab lief, saß vor dem Radio und hörte die Live-Übertragung bei Radio Okerwelle. Nach 89 gespielten Minuten hörte sich die Radio-Übertragung von Stefan Lindstedt, heute Stadionsprecher der Eintracht, so an:

'Hoch rein, über die linke Seite, Weetendorf mit der Chance, jetzt hab'n sie es. Mach' ihn rein, nein, nein, nein, nein! Was für eine Situation im Strafraum der SG Wattenscheid! Meine Güte, da hatten sie die Chance. Weetendorf im Zweikampf mit Réne Renno, der Ball prallte zurück, alles lag am Boden aber da kriegen sie ihn aus fünf Metern nicht rein ... jetzt vielleicht! Toooor! Tor für Braunschweig! Thomas Piorunek ! Thomas Piorunek ! 2:1 für die Braunschweiger Eintracht ! 90. Minute und hier ist die Hölle los! Es ist nicht zu fassen. 2:1 ! Der Ball kam von der rechten Seite hinein und dann steht er da, der Piorunek. Mein Gott, das ist alles nicht zu fassen, das sind Emotionen pur. Wildfremde Menschen umarmen sich. Hunderte von Zuschauern sind bereits auf dem Spielfeld, aber sie müssen noch mal runter, weil das Spiel noch nicht zu Ende ist. 2:1 für die Braunschweiger Eintracht durch die Nummer 2, durch den eingewechselten Thomas Piorunek. Und jetzt haben die Ordner alle Hände voll zu tun!'

.... (Einblendung aus Essen: 3:1 für Rot-Weiss Essen) ....

'Ja, die Stimmung ist groß, aber jetzt hat Wattenscheid Freistoß. Ball kommt weit nach vorne, Jungens, egal wie, wehrt doch das Ding ab! Thiam hat das getan. Und Nadj, schwak' die Pille bis nach Wolfenbüttel, meinetwegen. Aber immer noch nicht! Schluss, aus! Aus! Das Spiel ist aus! Auch wenn ich Werner Zimmermann jetzt hier nachmache. 23500 Zuschauer auf einem grünen Fussballfeld jubeln, feiern, umarmen sich, küssen sich. Es ist unglaublich hier, die Stimmung in Braunschweig. Die Last von 9 Jahren Regionalliga, sie fällt in diesem Augenblick einfach so ab. Es sind Emotionen, hier sehe ich auch Leute, die haben Tränen in den Augen, die weinen, schämen sich einfach nicht, lassen ihren Gefühlen einfach freien Lauf.'

Eintracht hatte es tatsächlich geschafft ! In der letzten Spielminute war den 'Löwen' das Tor gelungen, das den Aufstieg in die 2. Bundesliga bedeutete. Geschossen hatte es Piorunek! Ausgerechnet 'Pio'! Nach seinem ersten Regionalligator im März gegen den (Mitaufsteiger) VfB Lübeck hatte ihn die 'Braunschweiger Zeitung' in ihrem Artikel vom 4.3.2002 als 'Mann für alle Fälle' bezeichnet. Diesem Ruf war er nun mehr als gerecht geworden!
Der Jubel nach dem Schlusspfiff war unbeschreiblich! 'Nie mehr 3. Liga' skandierten die Fans auf dem Rasen immer wieder.
Matthias Hain, in der zweiten Hälfte der 90er Jahre selbst Torwart der Eintracht, erklärte bewegt: 'Vor 2 Wochen bin ich mit Arminia Bielefeld in die Bundesliga aufgestiegen. Dieser Tag heute bewegt mich aber noch mehr. Mein Herz gehört der Eintracht. Diesen Aufstieg hat die Stadt Braunschweig, vor allem aber die großartigen Fans verdient.'
Etwa 90 nach dem Schlusspfiff verlagerte sich das Geschehen in die Innenstadt. Hupkonzerte überall! Wegen der Feiern brach der Verkehr rund um das Rathaus zusammen und Busse mussten umgeleitet werden. Was soll man auch machen, wenn die Fans 'Steht auf, wenn Ihr Löwen seid!' mitten auf dem Bohlweg zelebrieren?
Während die Mannschaft mit Anhang und die Offiziellen im 'Stadthotel' feierten, vergnügten sich mehr als 10.000 Fans in den verschiedensten Lokalen. Bis zum Morgen dauerten die Feiern – mindestens !
ßbrigens wurde im 'Kicker' vom 21. Mai nicht Piorunek, sondern Torwart Zimmermann zum 'Spieler des Tages' gekürt. Seine Parade gegen Iyodo war im Nachhinein doch so wichtig geworden.