18. Oktober
Eintracht – SpVgg Greuther Fürth 2:2 (0:0)18.10.2014
10. Spieltag 2. Bundesliga – 2014/2015
Mit der SpVgg Greuther Fürth reiste am 10.Spieltag der Zweitliga-Saison 2014/15 der Vorjahresdritte in die Stadt Heinrichs des Löwen. Die Fürther waren in der Relegation zur Bundesliga nur knapp, lediglich wegen der Auswärtstoreregelung, am HSV gescheitert (auswärts 0:0, daheim 1:1) und wurden daher auch für die aktuelle Saison hoch gehandelt. Die Sportzeitung „Kicker“ sah in der Mannschaft „Qualität für die TOP 5“ und die lokale „Braunschweiger Zeitung“ traute ihnen einen Platz im „oberen Tabellendrittel“ zu -- und das, obwohl sie mit den Abgängen von Baba (an FC Augsburg, später Schalke), Brosinski (Mainz 05), Füllkrug (1.FCN, später Hannover 96), Mavraj (1.FC Köln, später HSV), Stieber (HSV) und anderen erheblich an Qualität eingebüßt hatte. Es blieb abzuwarten, ob die Neuverpflichtungen Stiepermann, Przybylko, Marco Caligiuri (vorher Eintracht), Schröck u.s.w. tatsächlich die entstandenen Lücken schließen würden. Der Start in die aktuelle Saison verlief für die Franken jedenfalls nicht schlecht, jedoch keineswegs überragend. Zwar war der Beginn mit einem 1:1 beim VfL Bochum mit einem deutlichen 5:1-Derby-Sieg gegen den 1.FC Nürnberg, immerhin Absteiger aus der Bundesliga, fast perfekt gelaufen, aber danach kassierte die Spielvereinigung bis zum 9.Spieltag bereits 3 Niederlagen (auswärts in Ingolstadt, Sandhausen und München). Mit 14 Punkten belegte sie immerhin Rang 7. 2 Punkte mehr hätten schon Platz 3 bedeutet.
Der BTSV, gemeinsam mit dem 1.FCN -- nach einem Kurzauftritt von einer Spielzeit direkt wieder – aus der Beletage des Deutschen Fussballs abgestiegen, dagegen wäre froh gewesen, schon 14 Punkte auf dem Konto zu haben. Nach einem guten Beginn mit 4 Punkten aus 2 Spielen folgten zunächst 3 Niederlagen, bevor sich Sieg und Niederlage abwechselten. Im Ergebnis waren das nach 9 Spieltagen 10 Punkte und Platz 11. Mit nur 2 Punkten weniger lag der FSV Frankfurt auf Platz 16, dem Relegationsplatz. Natürlich waren die Offiziellen von Eintracht inklusive Trainer mit diesem Saisonauftakt nicht zufrieden. Wer liest schon gern Überschriften in der Lokalzeitung (BZ) „Angekommen im Mittelmaß“? „Löwen“-Bändiger Lieberknecht glaubte jedoch an sein Team, wie er in der 5.Ausgabe der „Löwenrunde“, einem für Fans gedachten Gesprächsabend mit 2, 3 Eintracht-Spielern oder -Trainern o.ä. a La „Doppelpass“, noch einmal betonte, und trainierte in der Länderspielpause normal weiter. Auf seinen Stürmer Havard Nielsen musste er dabei jedoch verzichten, denn der Schwede war mit seiner Nationalmannschaft unterwegs und erzielte dabei in seinem 9.Länderspiel das Siegtor zum 2:1 gegen Bulgarien. Auch Bakenga und Khelifi waren mit den U-Teams ihrer Länder aktiv und daher im Training teilweise nicht dabei. Alle Drei kehrten aber gesund von ihren Länderspielreisen zurück und standen am Donnerstag vor der Partie wieder auf dem Trainingsplatz. Lieberknecht konnte also am Samstag, den 18.10.2014, bis auf die Langzeitverletzten Oehrl, Hochscheidt und Washausen alle Spieler einsetzen.
Er entschied sich für folgende Startelf: Gikiewicz – Kessel, Correia, Decarli, Reichel – Boland – Hedenstad, Raffael Korte, Nielsen, Zuck – Bakenga.
Mit Keeper Gikiewicz, Decarli, Hedenstad, Nielsen, Zuck und Bakenga standen gleich 6 der 7 externen Neuverpflichtungen auf dem Platz, nur der erst nach dem 2.Spieltag von Bayer Leverkusen ausgeliehene Ryu fehlte im Aufgebot. Wenn man berücksichtigt, dass Raffael Korte in der letzten Saison an den Drittligisten 1.FC Saarbrücken ausgeliehen war, bot Lieberknecht also 7 Kicker auf, die ihm in der Saison 2013/14 nicht zur Verfügung standen. ‚Umbruch nach einem Abstieg‘ nennt man das wohl.
Gäste-Trainer Frank Kramer schickte neben dem Ex-„Löwen“ Marco Caligiuri u.a. mit Stephan Fürstner einen Spieler auf den Platz, der über den Umweg Union Berlin im Sommer 2018 selbst einen Vertrag beim BTSV unterschreiben sollte. Auf seinen Stürmer Azemi, der sich bei einem Autounfall am 7.8.14 schwerst verletzt hatte, musste er weiterhin verzichten -- eine echte Schwächung, wenn man bedenkt, dass der Torjäger in der Vorsaison mit 14 Toren Drittbester in der Torschützenliste der 2.Bundesliga geworden war. Daneben fiel Neuzugang Mohr (ebenfalls seit Anfang August) mit einem Innenbandriss aus.
Pünktlich um 13 Uhr pfiff Schiedsrichter Markus Schmidt die Partie auf dem frisch verlegten Rollrasen an. Der war zuvor (um den 1.Oktober herum) in 18 LKW-Ladungen zum Stadion transportiert und auf ca. 8.000qm verlegt worden. Die 21.200 Zuschauer kamen also in den Genuss eines Fussballspiels auf frisch verlegtem Rollrasen.
In den Genuss von Chancen für die Eintracht kamen sie zunächst aber nicht. Die Spielvereinigung diktierte das Geschehen auf dem Rasen, wie sie wollte. Nach 25 Minuten lautete das Eckenverhältnis 6:1 für den Gast, und Chancen hatten sich die Franken ebenfalls erspielt. Bereits in der 4.Minute musste R.Korte einen Caligiuri-Kopfball vor der Linie klären, in Minute 15 konnte ein Schuss von Stiepermann gerade noch geblockt werden. Und wie das Leder 10 Minuten später an Freund und Feind vorbei durch den Eintracht-Strafraum trudelte, verursachte bei dem einen oder anderen „Löwen“-Fan auch Herzrhythmus-Störungen. Eintracht-Chancen? – Fehlanzeige!
Es wurde Zeit für die richtige Anfeuerung! „Wir woll´n Euch kämpfen seh´n!“ und „Kämpfen und Siegen“ schallte es aus der Südkurve. Tatsächlich rafften sich die Blau-Gelben auf, kombinierten nun besser und kamen kurze Zeit später zu ihrer ersten Gelegenheit. Minute 29, weiter Pass auf Hedenstad, der den Ball auch sauber annimmt, aber danach zu dicht vor dem Torwart steht, um selbst noch vollstrecken oder auf den mitgelaufenen Bakenga ablegen zu können.
So schnell wollten die Fürther die Spielkontrolle jedoch nicht hergeben. In der 32.Minute wurde Stürmer Przybylko mit einem langen Ball geschickt und hatte nur noch Gikiewicz vor sich. Der war weit aus seinem Tor geeilt und konnte mit einer Glanzparade den Kopfball des Stürmers parieren. So blieb es beim zu diesem Zeitpunkt für den BTSV glücklichen 0:0. Danach begannen die „Löwen“ allerdings, sich das Unentschieden zu verdienen. Bis zum Halbzeitpfiff waren nur noch sie aktiv und starteten ein paar vielversprechende Offensivaktionen, von denen eine fast noch die Führung gebracht hätte. Der von R.Korte und Zuck freigespielte Kessel traf jedoch mit seinem Schuss statt dem gegnerischen Tor den Innenverteidiger Röcker (37.). So ging es torlos in die Pause. Eintracht konnte mit diesem Spielstand zufrieden sein, so wie das Spiel gelaufen war. Ein Teil des Publikums war es offensichtlich nicht. Es schickte den Eintracht-Spielern ein paar Pfiffe hinterher. Das hatte es lange nicht mehr im Stadion an der Hamburger Straße gegeben.
Die 2.Halbzeit startete mit einer guten Gelegenheit für den BTSV. Kessel passte von rechts auf Nielsen, dessen Direktabnahme nur knapp das Tor verfehlte (46.). Im Anschluss baute die Spielvereinigung ihr Eckenplus zunächst auf 8:3 aus, bevor sie sich dann schließlich mit Zählbarem belohnte. Konter über Weilandt, Przybylko und Stiepermann – Tor (59.)! 0:1! Gikiewicz war ohne Chance. Lange Gesichter bei den Fans der Eintracht, aber auch sie mussten zugeben, dass der Zwischenstand leistungsgerecht war. Was soll´s! „Kämpft wie die Löwen!“
Lieberknecht reagierte und brachte Ademi und Pfitzner für Bakenga und Hedenstad (64.). Fast wäre in derselben Minute noch das 0:2 gefallen, aber erst Schröck und dann Gießelmann konnten ihre Schusschancen nicht nutzen. Przybylko machte es vier Minuten später besser. Nach einem erneuten Konter, bei dem Eintrachts Abwehr sehr schlecht aussah, schloss der Gäste-Stürmer eine Kombination über Gießelmann und Stiepermann erfolgreich ab (68.). Sein 3.Saisontor! 0:2! Clevere Gäste! Selten war es in den letzten Jahren so ruhig in der Südkurve gewesen.
Aber nicht lange! Bei der 5.Ecke für die Blau-Gelben konnten die Gäste nicht richtig klären, sodass Rafael Korte erneut zum Flanken kam. Kessel stieg hoch und versenkte das Leder per Kopf unhaltbar im rechten Eck (72.)! Tooor! 1:2! Eine Zeigerumdrehung später folgte schon die Chance zum Ausgleich, aber Zuck kam mit dem Kopf nicht mehr richtig zum Ball (73.). Nun waren die Fans aber so richtig wieder da. ‚Da geht noch ´was!‘
Die restlichen Spielminuten spielte fast nur der BTSV! In Minute 76 schienen sich die „Löwen“ auch bereits zu belohnen, aber Ademi vergab allein vor Gäste-Torwart Mickel die Riesenchance, indem er zu lange zögerte. ‚Den MUSS er machen!‘ Haareraufen bis zum Ausreißen bei den Fans! Aber es half ja nichts! Weiter supporten bis zum Stimmverlust war angesagt. Die blau-gelben Jungs auf dem Rasen verdienten es nun auch. Sie rannten, sie riskierten, sie fighteten, sie drängten auf den Ausgleich – wie richtige Löwen! Die nächste gute Chance folgte sieben Minuten später. Rafael Korte, der ein sehr gutes Spiel machte, hatte Kessel freigespielt. Eintrachts Rechtsverteidiger kam allerdings erst so dicht vor dem Keeper an das Leder, dass dieser den Winkel geschickt verkürzen und den Ball parieren konnte (83.). Die Fürther nutzten nun jede Gelegenheit, das Spiel zu verschleppen. Sie wechselten 3x in Minute 84 – bei der Gelegenheit kam auch Khelifi für Correia in die Partie --, in Minute 88 und in Minute 91 und sehnten das Ende der Begegnung herbei. Es waren aber noch zwei weitere Minuten Nachspielzeit zu absolvieren, und die „Löwen“ ließen in ihren Bemühungen nicht nach und gaben nicht auf. Noch einmal Ecke für Eintracht, die sechste in der 93.Minute. Zunächst geklärt, aber nicht weit genug, so dass Reichel das Leder erneut hereinbringen konnte. Kessel lief ein, schraubte sich hoch, köpfte und … Tooooor!
Ausgleich! 2:2! Kollektives Austicken in der „Süd“!
Direkt danach war Schluss. Eintracht hatte aus einem 0:2 Mitte der 2.Halbzeit noch ein 2:2 gemacht.
Logisch, dass Gäste-Coach Kramer in der anschließenden Pressekonferenz frustriert von sich gab: „Das Ergebnis wurmt mich total.“ Trainer Lieberknecht äußerte sich verständlicherweise ganz anders. Er sagte: „Das war so ein Moment, den man sich als Trainer nur wünschen kann. … Vielleicht ist das auch so ein Moment, den eine Mannschaft braucht, die gerade eine Entwicklung durchmacht.“ Zu den Pfiffen zur Pause äußerte er sich auch: „Ich ticke da etwas anders. Bin ich Fan, ist mein Credo, die Mannschaft bis zum Abpfiff zu unterstützen.“ – Eine schallende Ohrfeige für Teile der Haupttribüne und der Blöcke 5 und 6, von denen die Pfiffe ausgingen!
Natürlich wurde Kessel mit seiner Leistung in die „Elf des Tages“ des Sportmagazins „Kicker“ berufen, übrigens bereits zum zweiten Mal. Die erste Berufung datierte vom 8.Spieltag, wo er ebenfalls mit einem Treffer zum 2:1-Heimsieg gegen den SV Sandhausen beigetragen hatte.
Für den BTSV selbst brachte der Punkt tabellarisch zunächst nicht viel. Mit 11 Punkten blieben die „Löwen“ Elfter, der Tabellensechzehnte SV Sandhausen hatte mit 10 Punkten sogar nur noch einen Punkt Rückstand. Aber für die Psyche der Spieler war dieser erkämpfte Zähler ganz wichtig. Die Hoffnung von Lieberknecht aus der Pressekonferenz erfüllte sich. Das Aufholen des 2-Tore-Rückstands setzte bei den Spielern Kräfte frei, die sie im Anschluss zu 5 Punktspielsiegen und 1 Pokalsieg in Folge trieben. Nach dieser Serie standen die Blau-Gelben auf Platz 2 der Tabelle. Die Saison konnte noch interessant werden… !
[Stand: August 2018]