15. März
Eintracht – VfL Wolfsburg 1:1 (0:1)15.03.2014
25. Spieltag Bundesliga – 2013/2014
„Willkommen in BS zum Schnupperkurs Fankultur!“
Klein, aber fein lächelte dieses Transparent in Block 9 des Eintracht-Stadions den Anhängern des VFL Wolfsburg in der Nordkurve entgegen. Es war die gelungene Retourkutsche der „Löwen“-Fans auf das übergroße Transparent der Grün-Weißen im Hinspiel mit dem Text „Willkommen zum Schnupperkurs Bundesliga“, das angesichts der 0:2-Heimniederlage des VfL zum Eigentor geworden war.
Die Bundesligapartie Eintracht Braunschweig gegen VfL Wolfsburg stand an!
Für Eintracht und seine zahlreichen Fans hatten sich die Vorzeichen seit dem Hinspiel in Wolfsburg eigentlich kaum verändert. Man war in dieser Saison 2013/14 auch nach 24 Spieltagen noch Letzter der Tabelle und musste punkten, punkten, punkten, um den Abstieg aus der deutschen Eliteklasse nach nur 1jähriger Zugehörigkeit zu vermeiden. Gut, der BTSV war inzwischen in der Bundesliga „angekommen“, hatte sich akklimatisiert und in den ersten 7 Partien der Rückrunde viermal gepunktet. In der Hinrunde stand zum selben Zeitpunkt nur 1 Punkt auf der Haben-Seite, in der Rückrunde waren es schon 6. Wenn man die unselige Begegnung am 22.Spieltag beim 1.FC Nürnberg (1:2-Niederlage) gewonnen hätte, wären es sogar 9 gewesen. Aber lassen wir das! Eintracht-Fans werden ungern auf dieses Spiel angesprochen.
Die „Löwen“ litten also weiterhin unter ihrem miserablen Saisonstart. Mit ihren 17 Punkten lagen sie 2 hinter dem SC Freiburg (17.) und jeweils 3 hinter dem Hamburger SV (16.) und dem VfB Stuttgart (15.). Der 1.FC Nürnberg lag als 14. schon 6 Punkte voraus. Wenigstens hatte Eintracht durch das 2:2 in Stuttgart am letzten Spieltag den Kontakt zu den anderen bedrohten Teams nicht abreißen lassen. Im Gegenteil! Durch die 0:1-Heimniederlage der Freiburger gegen den BvB bestand sogar die Möglichkeit, die Rote Laterne bei eigenem Sieg erstmals seit dem 12.Spieltag wieder loszuwerden.
Der VfL aus der Autostadt dagegen hatte ganz andere Probleme. In Wolfsburg fragte man sich, warum der Club trotz der Winter-Verpflichtung von Kevin de Bruyne (von Chelsea London) für satte 22 Millionen Euro nicht erfolgreicher in die Rückrunde gestartet war. 9 Punkte in 7 Partien waren des Vereins des (damals) zweitgrößten Autoproduzenten der Welt doch eigentlich unwürdig! Okay, in die Saison gestartet waren die Grün-Weißen ebenfalls mit bescheidenen 9 Punkten aus 7 Spielen. Die Heimniederlage gegen den ungeliebten Nachbarn aus Braunschweig am 8.Spieltag hatte sie aber offensichtlich derart aufgerüttelt, dass sie danach keine Begegnung der Hinrunde mehr verloren, 21 weitere Punkte einfuhren (6 Siege und 3 Unentschieden) und von Platz 14 auf Platz 5 der Tabelle sprangen. Apropos: Hatten die Verantwortlichen des VfL dem BTSV eigentlich dafür gedankt, dass Eintracht diese Siegesserie praktisch erst möglich gemacht hatte? Natürlich nicht! Jedenfalls war man im Umfeld des VfL der Meinung, dass die Erfolgsserie durch die Verpflichtung des belgischen Nationalspielers, der seine Klasse bereits in seiner Zeit bei Werder Bremen (Saison 2012/13) nachgewiesen hatte, nun erst recht anhalten müsste. Die erzielten Ergebnisse, insbesondere die beiden letzten mit einem 2:6 bei der TSG Hoffenheim und einem 1:6 zu Hause gegen Dauertabellenführer Bayern München, sprachen eine andere Sprache. Die Wolfsburger waren zwar immer noch Tabellenfünfter, aber bei einer Niederlage drohten mit dem FC Augsburg, Mainz 05, Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC gleich vier Vereine vorbeizuziehen. Man war über die aktuelle Entwicklung ihres Vereins nicht glücklich in der Stadt des Autobauers.
Für die Begegnung in Braunschweig hatten die Spieler des VfL ihrem Anhang allerdings Besserung gelobt. Dieser hatte nach der Heimniederlage gegen Bayern vehement den „Derbysieg“ – hiermit war nicht etwa das Aufeinandertreffen mit dem VfB Fallersleben oder dem HSV Helmstedt gemeint, sondern das Duell mit dem BTSV -- gefordert. Daniel Caligiuri sagte daraufhin, „Wir haben es gehört.“ Ähnlich äußerten sich zwei weitere VfL-Spieler. Torhüter Benaglio erklärte: „Die zwei Wochen nach der Niederlage in der Hinrunde (gegen Eintracht) waren für alle eine schwere Zeit. Das wollen wir nicht ein zweites Mal erleben. … Wir wissen, dass wir aus der Hinrunde noch etwas gutzumachen haben. Das wollen wir in einen Sieg ummünzen.“ Knoche, in der Okerstadt geboren, aber in Wolfsburg aktiv, ergänzte: „Das passiert uns kein zweites Mal!“ Auch der Manager der Grün-Weißen war optimistisch: „Machen wir die Dinge richtig, werden wir das Spiel gewinnen.“
Während in Wolfsburg also diese Begegnung alle Anhänger des VfL elektrisierte, äußerte sich Robin Koppelmann, Pressesprecher im Braunschweiger Fanrat, in einem Interview dazu, was die organisierte Fanszene von Eintracht derzeit beschäftigte: „Zur Zeit bewegt die Choreo für das 96-Spiel (am 29.SpT) mehr als das Nachbarschaftsduell gegen Wolfsburg.“
Zu hart? Na gut, machen wir den VfL Wolfsburg nicht kleiner, als er für die Masse der Blaugelb-Infizierten ist. Natürlich war es kein Spiel wie jedes andere. Die Nähe der beiden kreisfreien Städte und insbesondere die Entwicklung des VfL zum Spielzeug von VW mit allen seinen Facetten, machten die Partie schon besonders. Aber ein „Derby“ war es deswegen für den BTSV noch lange nicht -- auch wenn VfL-Trainer Hecking es als solches bezeichnete. Gerade er, der in seiner aktiven Zeit sowohl für Hannover 96 als auch für Eintracht kickte, machte sich mit dieser Aussage eher lächerlich.
Natürlich war das Stadion an diesem Samstag, den 15.3.2014, mit 23.150 Zuschauern – wie meistens in den Heimspielen der Eintracht in dieser Saison – ausverkauft. Nach Aussage der Organisatoren hätte man 40.000 Tickets verkaufen können.
Während die „Löwen“-Fans die Gäste mit der Aussage „Ihr seid nur ein Autolieferant“ empfingen, zündelte der VfL-Anhang zum Einlaufen der Mannschaften mit Pyro. Wer die 4 glücklichen VfL-Anhänger waren, die das in der Sportzeitschrift “Kicker“ in vier Ausgaben (vom 10.2., 17.2., 24.2. und 3.3.2014, Seite 41) veröffentlichte Gewinnspiel von (Eintracht-Sponsor) Seat gewonnen hatten, und ob sie zu diesem Zeitpunkt schon auf ihren VIP-Sitzen saßen, ist nicht überliefert. Kurz darauf pfiff Schiedsrichter Dr. Felix Brych jedenfalls die Begegnung an.
In den ersten 10 Minuten hatten die Blau-Gelben, die in der Besetzung
Davari; Reichel, Correia, Bicakcic, Kessel; Boland, Theuerkauf, Ebabdullaoui; Hochscheidt, Kumbela, Bellarabi
antraten, mehr vom Spiel. Gelegenheiten zur Führung ergaben sich dabei jedoch nicht. Danach wurden die Gäste stärker. Es dauerte schließlich bis zur 21.Minute, bis die Journalisten die erste richtige Chance des Spiels notieren konnten. Mittelfeldspieler Arnold war zum direkten Freistoß aus 25m angetreten. Noch abgefälscht von einem Eintracht-Spieler trudelte der Ball 1m am Tor vorbei. Keeper Davari wäre ohne Chance gewesen. Es folgten weitere gut 10 Minuten des Abnutzungskampfes – so erschien die Partie – ohne besondere Höhepunkte. In Minute 35 kamen die Grün-Weißen zu ihren Ecken 2 und 3. Der Schweizer Rodrigues brachte sie jeweils herein. Bei der letzten stieg Naldo, der als Innenverteidiger schon 30 Bundesligatore erzielt hatte, zum Kopfball hoch und traf das Leder perfekt. Davari konnte dennoch halten und faustete den Ball nach vorn. Dort stand unglücklicherweise Kessel, von dem das Spielgerät zurück prallte, direkt vor die Füße von Luiz Gustavo. Der hatte keine Mühe einzunetzen. 0:1! Ein Billardtor! Jubel in den Blöcken 18 und 19 der Nordkurve, gedämpfte Stimmung in der Südkurve.
In den verbleibenden Minuten der 1. Spielhälfte kontrollierten die Gäste die Begegnung, ließen keine gelungenen Offensivaktionen der Blau-Gelben zu, wurden selbst aber auch nicht mehr gefährlich. So ging es mit einer nicht zwingend herausgespielten, aber auch nicht unverdienten 1:0-Führung der Gäste in die Pause (Ecken: 0:4).
Die 2.Halbzeit war noch keine 3 Minuten alt, als in der Südkurve ein Jubelorkan losbrach. Kumbela war auf der rechten Seite geschickt worden, fand aber zunächst keine Anspielstation, weil kein weiterer Eintracht-Spieler so weit vorn plaziert war. Er verzögerte daher und hielt das Leder geschickt am Fuß. Als er sah, dass Bellarabi in der Mitte aufgeholt hatte, passte er genau im richtigen Moment nach innen. Volleyabnahme Bellarabi, Aufsetzer, Tor! 1:1! Bellarabis 3. Saisontreffer. Nun waren wieder die Fans des BTSV obenauf.
Auf dem Spielfeld setzten jedoch die Wolfsburger die nächsten Ausrufezeichen. Rodrigues mit einem gefährlichen Freistoß, den Davari per Fußabwehr klären musste (52.), und Dost mit einem Kopfball (56.) scheiterten nur knapp. Danach wurde die Partie umkämpfter. Die „Löwen“ besannen sich auf die typischen Braunschweiger Tugenden und erkämpften sich mehr und mehr ein Übergewicht. Der VfL wusste sich teilweise nur noch mit Fouls zu helfen, was sich in 4 Gelben Karten (für Naldo, Ochs, Medojevic und Rodrigues) ab der 60.Minute wiederspiegelte. Leider wurde dabei Boland, der zuvor nach einem guten Angriff der Blau-Gelben fast die Gelegenheit zum 2:1 gehabt hätte (69.), ein Opfer der harten Gangart und musste verletzungsbedingt ausgewechselt werden (77.). Für ihn kam Pfitzner. Trotz der immer deutlicher werdenden Überlegenheit gelang es Eintracht nur selten, das Tor der Grün-Weißen in Gefahr zu bringen. Da der VfL offensiv überhaupt nichts mehr zustandebrachte und nur noch bemüht war, das 1:1 über die Zeit zu retten, stand es auch nach 90 Minuten immer noch unentschieden. Nachspielzeit: 3 Minuten … und fast wäre es doch noch passiert! Nur wenige Sekunden nach Ende der regulären Spielzeit wurde Kumbela 15m vor dem gegnerischen Gehäuse angespielt und schien freie Schussbahn zu haben. Im allerletzten Moment konnte er auf Kosten einer Ecke geblockt werden. Auch danach gaben sich die „Löwen“ noch nicht mit dem Punkt zufrieden und spielten bis zur letzten Sekunde auf Sieg. Vergeblich!
Nach 93 Minuten pfiff der gut leitende Schiri Dr.Brych die Partie ab. Endstand: 1:1 !
Sollte man sich als Eintracht-Fan nun freuen oder nicht? Zumindest war Eintracht dem großzügig von VW gesponserten VfL Wolfsburg, der nun schon zum fünften Mal innerhalb der letzten 9 Jahre das meiste Geld aller Bundesligisten in der Winterpause ausgegeben hatte, auf Augenhöhe begegnet. Das sahen auch die Trainer so. Beide sprachen in der Pressekonferenz von einem leistungsgerechten Ergebnis. Andererseits helfen nur Siege im Abstiegskampf wirklich weiter, und ein solcher war dem BTSV wieder nicht gelungen. Wie wenig ein Unentschieden manchmal wert sein kann, wurde beim Blick auf die anderen Ergebnisse des Spieltags deutlich:
Eintracht Frankfurt -- SC Freiburg = 1:4
Hamburger SV – 1.FC Nürnberg = 2:1
Werder Bremen – VfB Stuttgart = 1:1
Zwei der drei direkten Konkurrenten hatten ihre Partien gewonnen, der dritte auswärts gepunktet. Damit waren für den BTSV die Abstände zum rettenden Platz 15 und auch zum Relegationsplatz wieder größer geworden.
Die Woche, in der Eintracht von der „Braunschweiger Zeitung“ zur „Mannschaft des Jahres“, Ermin Bicakcic zum „Sportler des Jahres“ gekürt worden war, und Gutmensch Uli Hoeness wegen Steuerhinterziehung von nachgewiesenen 28,5 Millionen Euro zu (nur) 3,5 Jahren Knast verurteilt worden war, endete für die „Löwen“ und ihre Fans also mit gemischten Gefühlen.
[Stand: Januar 2018]